Berliner Seminar »Recht im Kontext« 2021/22

Person und Rechtsfähigkeit: Tiere, Roboter, Korporationen

Jahrhundertelang waren Personalität und Rechtsfähigkeit Instrumente zur Diskriminierung und Unterdrückung bestimmter Bevölkerungsgruppen, insbesondere von Sklaven, Untertanen und Frauen. Heute ist anerkannt, dass jeder Mensch Träger gleicher Grundrechte und -pflichten ist. Der Personenbegriff kommt trotzdem nicht zur Ruhe. Zum einen steht der Rechtsstatus privater Korporationen in Frage: Kann sich eine Aktiengesellschaft auf „ihre“ Religionsfreiheit berufen, wenn sie Homosexuelle nicht beschäftigen oder Abtreibungen nicht über Krankenversicherungsbeiträge finanzieren will? Ein zweiter Problemschwerpunkt sind Tiere: Ist an die Stelle des weitgehend überwundenen Rassismus ein Speziezismus getreten, der zwar alle Menschen als rechtsfähig anerkennt, nicht-humanen Lebewesen diesen Status jedoch vorenthält und sie mit Missachtung straft? Schließlich fordert die digitale Revolution die Kategorie der Rechtsfähigkeit heraus: Der Mensch ging bisher davon aus, das einzige Wesen auf dem Planeten zu sein, das zu rationaler Selbstbestimmung in der Lage ist. Aller Voraussicht nach werden mit künstlicher Intelligenz ausgestattete autonome Systeme an seine Seite treten. Sind also Roboter im Kreis der Rechtssubjekte willkommen zu heißen? Die Vorträge in der Seminarreihe nähern sich diesen Fragen aus multidisziplinärer Perspektive und im internationalen Dialog.

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Das Recht neu verorten

Vielfältiger und unübersichtlicher wird das Recht. Längst ist das kompetitive, aber auch komplementäre Neben- und Miteinander verschiedener Rechtssysteme und normativer Ordnungen Teil des sozialen Alltags geworden. Rechtspluralismus ist, wie der in Harvard lehrende Völkerrechtler David Kennedy schreibt, „eine alltägliche Angelegenheit, Risiko und Möglichkeit zugleich“. Und das nicht nur für Wirtschaftsanwälte, Investmentbanker, Angehörige humanitärer Organisationen und Militärs, die in den Untiefen einer zunehmend disaggregierten und fragmentierten Weltrechtsordnung nach Orientierung suchen. Wo immer Recht soziale Phänomene (re-)konstruiert und von diesen seinerseits beeinflusst wird, ist mit der australischen Rechtswissenschaftlerin Fleur Johns daran zu erinnern, dass wir „jedes Mal, wenn wir Recht generieren, um die Welt zu erfassen, auch Welt generieren, die dem Recht entspricht“. Die Grenzen des Rechts und seiner Wissenschaft entgleiten hergebrachten Ordnungsmustern, und auch intradisziplinäre Differenzierungen wie etwa die Dichotomie von Öffentlichem und Privatem bedürfen kritischer Reflexion.

Die Frage nach dem Eigensinn des Rechts in einer pluralen Rechtswirklichkeit ist, aus der Binnenperspektive rechtswissenschaftlicher Forschung und Lehre, eine jener „Zukunftsaufgaben der Wissenschaft, die sich nur mit Kontextualisierung lösen lassen und damit auf die Grundlagenfächer verweisen“ (Dieter Grimm). Notwendig ist neben einer verstärkten Orientierung an der Rechtswirklichkeit das Gespräch mit den anderen am Recht interessierten Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften.

Das Forschungsnetzwerk „Recht im Kontext“ hat es sich seit Anfang 2010 zur Aufgabe gemacht, das Recht neu im Kontext seiner Nachbardisziplinen zu verorten und es mit den übrigen Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften sowie mit der juristischen und politischen Praxis ins Gespräch zu bringen. Getragen wird der Verbund von einem Sprecherkreis, deren Mitglieder jeweils ein Rechtsgebiet vertreten und die ein gemeinsames Interesse an juristischem Kontextwissen verbindet. Gegründet wurde "Recht im Kontext" als interdisziplinärer Forschungsverbund am Wissenschaftskolleg zu Berlin. Seit Anfang 2018 ist das Projekt an der Juristischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin verortet.

Recht im Kontext eröffnet Gesprächs- und Arbeitsräume für ganz verschiedene Zugänge zu Fragen des Rechts: von der rechtswissenschaftlichen Genderforschung über den Rechtsvergleich in verschiedenen Rechtsgebieten, über Rechtshistorische Forschung, Law & Literature und kritische Annäherungen an das internationale Recht bis hin zu den Verwaltungswissenschaften, zur Transitional Justice, zum Recht der Entwicklungszusammenarbeit und zu klassischen Fragen der Rechtsphilosophie. Von zentraler Bedeutung ist die Entwicklung neuer Gesprächs- und Arbeitsformen interdisziplinärer Rechtsforschung.

Als lebendige soziale Infrastruktur disziplinverbindender Rechtsforschung soll das Forschungsnetzwerk „Recht im Kontext“ neue Impulse in die Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften tragen, die langfristig auch in die juristische Ausbildung und Praxis hineinwirken und so das Recht als Gegenstand und Wissenschaft bereichern.

Im Jahr 2017 wurde Recht im Kontext von einer international besetzten Kommission evaluiert. Eine Zusammenfassung des Berichts finden Sie hier.